Landwirtschaft und Tourismus

Zusammenarbeit stärken und Potenziale nutzen

Wohi gôt's

"Echt Muntafu" Ausgabe 01 / 2021

Jedes Jahr zieht es zahlreiche Gäste ins Montafon. Die Gründe dafür sind vielseitig – seien es die Natur oder die regionalen Produkte. Um unsere Kulturlandschaft aufrechtzuerhalten, braucht es die Landwirtschaft. Hingegen sichert der Tourismus die Wertschöpfung im Tal. Tourismus und Landwirtschaft lassen sich nicht trennen – nur gemeinsam können wir uns weiterentwickeln.

Wie profitieren Tourismus und Landwirtschaft voneinander und wie gelingt es, die Zusammenarbeit noch weiter zu intensivieren? Darüber diskutieren Dianca Mangard, Geschäftsführerin vom Hotel Amrai Suites in Schruns, Peter Marko, Geschäftsführer Silvretta Montafon GmbH und Oswald Ganahl, Obmann des Vereins bewusstmontafon.

Das Interview

mit Bianca Mangard, Peter Marco und Oswald Ganahl

Wie ist das gegenseitige Verständnis von Tourismus und Landwirtschaft im Montafon?
Peter: Ich glaube, das Verständnis ist grundsätzlich sehr gut, wobei es aus meiner Sicht damit noch nicht getan ist. Was die Zusammenarbeit betrifft, gibt es noch viel Luft nach oben – und das auf beiden Seiten. Corona hat uns eines gelehrt: Wir sollten verstärkt darauf achten, was vor unserer eigenen Haustüre passiert. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um noch mehr zusammenzuwachsen.

Bianca: Dem stimme ich zu, die Zusammenarbeit lässt sich sicher noch optimieren. Jedoch finde ich, dass sich in letzter Zeit viel getan hat und immer mehr Betriebe erkennen, wie wichtig es ist, heimische Ressourcen zu nutzen. Wir sind Mitglied im Verein bewusstmontafon – in unserem Hotelkonzept ist der regionale Gedanke tief verwurzelt. Wir arbeiten auch sehr eng mit Dir, Oswald, zusammen. Die Kooperation funktioniert wirklich gut. In meinen Augen müssen aber die Produzenten noch mehr auf die Gastronomen und ihre Bedürfnisse eingehen. Ebenso ist eine faire Preisgestaltung wichtig. Wir müssen darauf achten, dass die Landwirtschaft geschützt wird. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Oswald: Dieses Feedback freut mich sehr. Es gibt durchaus schon einige Betriebe im Tal, die auf eine ehrliche und faire Partnerschaft setzen. Der Verein bewusstmontafon trägt einen wichtigen Teil dazu bei: 65 Prozent der Mitglieder sind Produzenten, 25 Prozent sind Tourismusbetriebe. Die Landwirtschaft im Montafon ist sehr kleinstrukturiert. Viele Bauern führen ihren Bauernhof nebenbei. Für die Gastronomen ist es natürlich wichtig, dass die entsprechenden Mengen vorhanden sind. Das stellt uns vor eine Herausforderung, denn die Flächen für das Futter sind begrenzt. Grundfutter zuzukaufen ist keine Option, das entspricht nicht unserer Philosophie.



„Wir müssen noch intensiver zusammenarbeiten und aufeinander zugehen.“

Peter Marko

Welche Rolle übernimmt der Verein bewusstmontafon?
Oswald: In erster Linie übernehmen wir die Koordination und Vermittlung, das heißt, wir bringen Produzenten und Abnehmer zusammen. Wir sprechen auch regelmäßig mit Gastronomen, um zu erfahren, welche Produkte und Mengen sie von den Landwirten brauchen. Anfangs sind wir noch von Landwirt zu Landwirt gefahren, um die gewünschte Menge Fleisch zu organisieren. Schließlich ist es aufgrund der kleinen Strukturen eher schwierig, das gesamte Fleisch ausschließlich von einem Landwirt zu beziehen. Deshalb haben wir nach kurzer Zeit festgestellt, dass es sinnvoller ist, auf eine direkte Partnerschaft zu setzen. Landwirt und Küchenchef können so schnell und unkompliziert miteinander in den Austausch gehen. Ausbaufähig ist sicher noch der Dialog mit den Gastronomiebetrieben der Bergbahnen. Zudem unterstützen wir bei der Produktveredelung sowie Vermarktung.

Peter: Wir beziehen verschiedene Produkte wie Fleisch, Käse und Milch von unseren lokalen Partnern. In einer normalen Wintersaison sind das rund 50 Rinder und Schafe, die wir bei regionalen Landwirten kaufen. Da ist durchaus noch Potenzial vorhanden. Sehr oft sind aber die Mengen, die wir benötigen, nicht zum richtigen Zeitpunkt verfügbar. Die Landwirtschaft tut sich mit den saisonalen Schwankungen sehr schwer.



„Das oberste Ziel ist die Aufrechterhaltung der Kulturlandschaft.“

Oswald Ganahl

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus verbessert und weiter ausgebaut werden?
Bianca:
Meiner Meinung nach wäre es wichtig, dass Einheimische im Tourismus arbeiten. Wir haben bei uns im Hotel einen Küchenchef aus der Region – er kennt die typischen Montafoner Produkte und die Abläufe. Das funktioniert reibungslos. Und gerade im Service finde ich es wichtig, dass auch Einheimische tätig sind – erkundigt sich ein Gast nach einem bestimmten Gericht, wirkt es einfach authentischer. Wir
können uns glücklich schätzen, dass wir in unserem Hotel noch relativ viele einheimische Mitarbeiter haben. Ich glaube jedoch, dass sich das in Zukunft ändern wird.

Oswald: Wir haben Betriebe im Montafon, die vor Saisonstart mit ihrer ganzen Belegschaft in die Partnerbetriebe gehen. So sehen unsere
Mitarbeitenden, wer hinter den Produkten steht und wie sie erzeugt werden. Das finde ich super.

Peter: Es braucht eine bessere zeitliche Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Im intensiven Austausch kann der Landwirt dann
genau das produzieren, was bei uns im Betrieb gebraucht wird. Wenn sich ein Landwirt zum Beispiel in der Rinderzucht auf Fleischrassen
spezialisiert, hat er über kurz oder lang eine Abnahmegarantie. Die Schlachtungen müssen im Hinblick auf Saisonverläufe richtig getaktet werden, dann ist der Erfolg sicher.



„Die Gäste schätzen unsere typischen Montafoner Produkte sehr“

Bianca Mangard

Im Montafon werden viele Produkte nachhaltig produziert. Wird das auch entsprechend vermarketet beziehungsweise an die Gäste kommuniziert?
Bianca:
Nachhaltigkeit und Regionalität sind bei uns im ganzen Hotel sicht- und spürbar. Zum Beispiel sind unsere Zimmer mit Teppichen
vom Steinschaf ausgestattet. Auch können die Gäste unsere Lieblingsplätze besuchen. Diese sind überall dort, wo unsere Lieferanten sind.
Give-Aways mit Köstlichkeiten aus der Region sind ebenfalls Teil unseres Konzepts. Wir kommunizieren all das auch über Facebook und Instagram. Ich finde jedoch, dass dieses Thema im Montafon noch zu wenig vermarktet wird.

Peter: Ihr seid auf jeden Fall ein Vorbildbetrieb. Es braucht Leitbetriebe – sowohl auf landwirtschaftlicher als auch auf touristischer Seite.

Landwirte erhalten unsere Kulturlandschaften. Das Landschaftsbild ist auch ein wichtiges Qualitätsmerkmal für das Montafon. Ist das Bewusstsein dafür ausreichend vorhanden?  

Peter: Die Einheimischen sind sich dessen inzwischen schon bewusst.

Bianca: Aber bei den Gästen bin ich mir nicht so sicher. Sie schätzen zwar unsere Kulturlandschaft.
 Sie wissen aber nicht, was es bedeutet, in der Früh in den Stall zu gehen oder einen steilen Hang zu mähen – wie viel Arbeit dahintersteckt.

Oswald: Unsere Landwirte leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege. Wir legen bei bewusstmontafon sehr viel
Wert auf Marketing und versuchen, Maßnahmen in Richtung Bewusstseinsbildung zu setzen. Montafon Tourismus unterstützt uns maßgeblich dabei – auch medial.

Wie profitieren Tourismus und Landwirtschaft voneinander?
Bianca:
Wir bekommen qualitativ hochwertige Produkte und bezahlen dem Landwirt faire Preise – eine eindeutige Win-win-Situation.

Oswald: Die Flächen werden bewirtschaftet und der Absatz wird gesichert. Bei uns auf dem Hof machen immer wieder Familien mit
kleinen Kindern Urlaub. Für sie ist es ein Highlight, wenn sie beim Melken dabei sein können. Wichtig ist aber, dass das gesamte Umfeld passt. Denn der Gast möchte untertags etwas erleben. Im Montafon haben wir beispielsweise dank der Bergbahnen ein großes Angebot.

Peter: Es geht bei uns weit mehr als nur um die reinen Produkte. Wir nutzen die Landschaft gemeinsam mit unseren Gästen, das Montafon
ist Lebensraum und Urlaubsdestination zugleich. Das schätzen und lieben unsere Gäste.

Gerade die Corona-Krise zeigt uns, dass viele Gäste großen Wert auf Regionalität, Nachhaltigkeit und Qualität legen. Regionale Kooperationen sind daher in Zukunft unentbehrlich, oder?  

Peter: Im Juni fand der erste Nachhaltigkeitsworkshop gemeinsam mit Montafon Tourismus, der illwerke vkw und der BTV statt. Aus den insgesamt zwölf Handlungsfeldern, die wir erhoben haben, wurden sechs ausgewählt. Beispielsweise zählen Themen wie Mobilität, Regionalität oder Energieeffizienz dazu. Im Hinblick darauf können wir bei uns im Tal noch einiges verbessern. Auch wir setzen auf eine zukunftsfähige Entwicklung. Wir sprechen von Geist und Haltung. Unserer Eigentümerin, der BTV, ist es wichtig, zukunftsfähige Werte zu schaffen. Für die Silvretta Montafon hat das Thema Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren Priorität.

Bianca: Nachhaltiger Tourismus kann eigentlich nur gewährleistet werden, indem die lokale Landwirtschaft miteinbezogen wird und heimische Ressourcen genutzt werden. So können wir uns von anderen Destinationen abheben.

Peter: Genau diesen Wettbewerbsvorteil können wir nutzen und weiter ausbauen. Aber wir müssen auch über den Tellerrand hinausschauen und von anderen Regionen lernen.

Oswald: Ja, das sehe ich auch so. Es muss nicht immer krampfhaft alles neu erfunden werden.

 

 

Welche Ziele verfolgt bewusstmontafon?

Der Verein unterstützt die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Gastronomie und Handel im ganzen Tal. Ziel ist es, so viele Landwirte wie möglich nachhaltig zu stärken. Es geht darum, den jüngeren
Generationen zu vermitteln, dass die Landwirtschaft ein Standbein sein kann. Grundvoraussetzung dafür ist der Austausch untereinander. Deshalb hat bewusstmontafon Arbeitsgruppen gebildet, die sich verschiedenen Produkten und Angeboten wie zum Beispiel dem Erhalt des Montafoner Steinschafs annehmen.

Alpenblumen und Jausenbrett auf der Alpe Garnera | © Vorarlberg Tourismus, Dietmar Denger

"Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.
 Würde der Städter kennen, was er isst,
 er würde Bauer werden."

"bewusstmontafon"

Im Verein „bewusstmontafon“ arbeiten Landwirte, Gastronomie und Handel eng zusammen, um sich gemeinsam für regionale Produkte und Rezepte stark zu machen und traditionelle Gerichte neu interpretiert aufzutischen.

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