UnberĂźhrtes Gebirge oder alte Kulturlandschaft?
Auf Spurensuche im Tschuga Moor - zur Vegetationsgeschichte im Montafon
Das Montafon ist heute durch ein Mosaik aus Wiesen, Weiden, Wald und Siedlungen geprägt. Aber was gerne als unberĂźhrte Naturlandschaft bezeichnet wird, ist in erster Linie das Ergebnis einer Jahrtausende währenden Nutzung durch den Menschen und seine Tiere sowie von Bergbauaktivitäten. Von Natur aus wĂźrden Laubmischwälder in der kollinen und montanen Stufe vorherrschen. In diese Waldlandschaft griff aber bereits vor 5000 Jahren der Mensch ein, so dass erste Freiflächen entstanden. In der Bronzezeit kam es gar zu einer Ausweitung des Nutzungsraums bis in HĂśhen von Ăźber 2000 m, und die Menschen schufen dort, wo eigentlich dichte subalpine Fichten-Tannen-Urwälder vorherrschen, erste Weideflächen fĂźr ihr Vieh. In den folgenden Jahrtausenden gestaltete der Mensch die Landschaft immer stärker. Wälder wurden gerodet, Ackerflächen angelegt und Weiden geschaffen. SchlieĂlich kamen auch noch die Folgen des Bergbaus hinzu, als dessen deutlichste Hinterlassenschaften die teilweise mächtigen Halden noch gut zu erkennen sind. Diese Faktoren formten gemeinsam letztlich die heutige Landschaft des Montafons, eine Kulturlandschaft.
Wann, wo und wie stark die menschlichen Eingriffe in das NaturgefĂźge waren, ver-raten uns vor allem pflanzliche Reste. Ihre Analyse lässt RĂźckschlĂźsse auf die damaligen Umweltbedingungen wie Klima, Vegetation und Wirtschaftsweise, aber auch auf die Art der Ernährung zu. Die Identifizierung von PollenkĂśrnern (ihre GrĂśĂe schwankt zwischen 10 und 200 Âľm (1 Mikrometer = 1 Tausendstel Millimeter) spielt bei diesen Untersuchungen eine wesentliche Rolle, denn ihre zersetzungs-resistente Form ermĂśglicht es, sie auch noch nach Jahrtausenden zu identifizieren und bestimmten Pflanzen zuzuordnen. Archive, in denen sich PollenkĂśrner und andere Pflanzenreste erhalten, mĂźssen ein fĂźr Mikroorganismen lebensfeindliches Milieu besitzen, was z. B. unter Wasser, in Torfen oder auch im Eis der Fall ist. Hier kann sich die Pollenwand tausende von Jahren bis gar Jahrmillionen erhalten, während ihr lebender Inhalt, das Protoplasma mit den Spermazellen, natĂźrlich längst abgestorben ist. Die wechselnde Zusammensetzung der PollenkĂśrner und Sporen in den Mooren des Montafons aber verrät uns, wie die Landschaft aussah und wie und wann der Mensch begann, die Umwelt in diesem Alpental zu nutzen und zu verändern.Die Wissenschaftsdisziplin, die sich mit diesen Untersuchungen befasst, wird Pollenanalyse genannt und ist Teil der Archäobotanik. Das Tschuga Moor am Bergknappenweg bietet bis heute die längste Sequenz an Moorablagerungen, die die frĂźhe Besiedlungsgeschichte am Bartholomäberg bis in das 3. Jahrtausend v. Chr. zurĂźckverfolgen kässt.
Der Silberstollen im Obwald - ein historisch ßberliefertes Bergwerk am Bartholomäberg
FĂźr das Berggericht Montafon, das sich Ăźber die Talschaften Klostertal, Montafon, Thannberg, und das Umland von Bludenz bis nach Dornbirn erstreckte, sind beinahe keine bildlichen Darstellungen zum mittelalterlichen bis frĂźhneuzeitlichen Bergbau bekannt. FĂźr die Bergwerke am Bartholomäberg gibt es aus der Barockzeit ein 1745 datiertes Aquarell, auf dem das Mundloch einer als âSilberstollenâ bezeichneten Grube, dargestellt ist.
Es handelt sich um den bislang einzigen Stollen am Bartholomäberg, der durch eine historische Quelle lokalisiert werden konnte und dessen alter Name Ăźberliefert ist.Der von der Kirche St. Bartholomäus aus in Serpentinen hangaufwärts fĂźhrende Weg passiert mehrere heute noch lokalisierbare Hofstellen und fĂźhrt zum Mundloch des Stollens. Auf dem Weg nach oben befinden sich zwei Bergleute, die Abbauwerkzeuge in Form von Keilhauen geschultert haben. Aus dem Stollen kommt ein Bergmann und fĂźhrt den Abraum mit Hilfe eines Schubkarrens auf die Halde. Auf der RĂźckseite des Aquarells ist die Lage des Silberstollens verzeichnet: der Flurname âWidenwaldâ oder âWidumwaldâ deutet auf einen Pfarreibesitz hin und ist tatsächlich auch noch heute der Wald der Pfarre, obgleich sich in der Vergangenheit ein Namenswechsel in âObwaldâ vollzogen hat. Mithilfe dieser Angaben konnte das bis dahin unbekannte Bergwerk erst im Sommer 2009 im Gelände wieder âentdecktâ und verifiziert werden. Im steilen Berghang sind die halbrunde Abraumhalde und das verstĂźrzte Stollenmundloch noch gut erhalten.
Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass es sich bei dem Silberstollen um einen älteren Abbau handelte, der zum Entstehungszeitpunkt des Aquarells im Jahre 1745 wiederbefahren wurde, um die noch vorhandenen Erzadern abzubauen. Die Ursprßnge des Bergwerks im Widumwald werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im Spätmittelalter beziehungsweise der frßhen Neuzeit zu suchen sein. Bemerkenswert ist dennoch, dass in der Barockzeit noch einmal versucht wurde die Bergwerke am Bartholomäberg neu zu belegen.